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"Das Sex-Verhör"
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"Das Sex-Verhör"
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| Das Sex-Verhör |
Mein Wecker zeigte fünf Uhr morgens an, ich hatte mir gerade im Wohnzimmer die Beine vertreten wegen dieser
dämlichen Krankheit, den nächtlichen Wadenkrämpfen, bei denen ich nach Empfehlung meines Arztes
jedes Mal hin und her laufen soll, um mir Linderung zu verschaffen. Plötzlich klingelte es um diese frühe
Zeit heftig an der Wohnungstür. Ich wollte meinen Organismus gerade fragen, ob er mir noch zwei Stunden Schlaf
gönnt, aber nein, ich musste zur Tür, hinter der zwei Männerstimmen riefen: "Aufmachen! Polizei!"
Ich öffnete, und schon standen ein dicker und ein dünner Polizist vor mir, und sie erklärten mir,
ich müsse mit zum Revier. Ich solle mich noch waschen, rasieren und anziehen, sie würden sich inzwischen
die Wohnung begucken, Schränke, Regale und soweit vorhanden die Festplatte des Computers. Ich fragte, was das
solle, aber sie meinten, das würde ich auf dem Revier schon rechtzeitig erfahren. Als ich angezogen war, hielten
die Polizisten aus meiner dürftigen Bibliothek zwei Bücher in der Hand - Gedichte von Rainer Maria Rilke und
"Ludwig Feuerbach und das Ende der klassischen deutschen Philosophie" von Friedrich Engels. Beide Männer hoben
die Bücher mit verwunderter Geste in die Höhe. Ich fragte die Polizisten, die in Uniform erschienen waren,
ob sie einen Durchsuchungsbefehl hätten, so heißt das wohl, aber sie verneinten das, den brauchen sie nicht.
Ich fragte noch einmal mit etwas erzürnter Stimme, was der ganze Vorgang solle, aber der dicke Polizist sagte nur:
"Kommen Sie jetzt."
Der dünne Polizist schloss meine Wohnungstür ab und überreichte mir feierlich das Schlüsselbund.
Schon saß ich in einem Auto mit vergitterten Fenstern, wie man es auf der Straße sieht, wenn die Bullen
gerufen werden müssen. Es war eine lange Fahrt, es mussten schon die Vororte meiner Stadt sein, und ich befürchtete,
das Kribbeln in meinen Beine würde sich wieder melden, das verdammte Restless-Legs-Syndrom.
Der Raum im Polizeirevier war kärglich eingerichtet, es sah alles nach IKEA aus, da hatte ich stabilere Regale
in meiner Wohnung, und die Stühle, eher Hocker statt Stühle, waren recht unbequem, fairerweise muss ich
zugeben - für beide Parteien. Auch störte und blendete mich das Licht aus Scheinwerfern, die an der Decke
hingen und nur auf mich gerichtet waren.
Ich fragte, ob ich endlich erfahren dürfe, warum ich hier unbequem sitzen muss, und der dicke Polizist sagte, es
gehe in dem Verhör um mein Sexualleben. Ich wollte wissen, ob ich sofort meinen Rechtsanwalt anrufen dürfe,
aber jetzt antwortete der dünne Polizist, den brauche man nicht, sie würden die Angelegenheit auch in meinem
Interesse regeln. Der dicke Polizist spielte jetzt den Menschfreund und neigte sich zu mir: "Unsere Aufgabe ist es,
durch Stichproben in der Bevölkerung sexuelle Straftaten zu verhindern und aufzuklären, deshalb sind Sie
vorläufig festgenommen. Das ist dasselbe, als wenn das Finanzamt Zugriff auf Ihre Konten hat, um zu überprüfen,
ob Sie gegenüber dem Staat und der freiheitlich Demokratie ein ehrlicher Bürger sind." Ich war über die
Aussage des Dicken sehr verwundert und bekundete, dass ich ein Anhänger von Freiheit und Rechtsstaatlichkeit sei,
ehrlich meine Steuern bezahle und mir nichts vorzuwerfen habe. Auch gehe meine Intimsphäre niemanden etwas an. Ich
fragte, was sind das für Gesetze, Untersuchungskommissionen und Schikanen?
"Beginnen wir mit den Verhör", entschied jetzt der dünne Polizist, ohne sich auf meine Argumente einzulassen,
und er fuhr fort: "Wann haben Sie zum ersten Mal masturbiert?" Ich war über die Frage erstaunt, ob ich sie
beantworten müsse. "Nein", sagte der dicke oder der dünne Polizist, ist ja jetzt auch egal bei der mich
beherrschenden Aufregung, "aber wir warnen Sie, je weniger Fragen Sie beantworten, desto verdächtiger sind Sie
für uns." Ich saß in der Klemme, irgendetwas musste ich schließlich antworten, um wieder nach Hause
zu kommen. Ich sagte, ich sein damals zwölf Jahre alt gewesen. Was ich dabei empfunden hätte, wollte einer
der beiden Neugierigen wissen. Ich gestand, dass ich ein schlechtes Gewissen gehabt habe, mit meinem Penis zu spielen
und dass ich es nie wieder tun wollte. "Und dann?", wollte bestimmt der dünne Polizist wissen, obwohl ich die Frage
auch dem dicken Polizisten zugetraut hätte. Ich antwortete: Es kam schon mal vor, und ich dachte bei mir, denen sagst
du doch nicht die Wahrheit. Heute wird das ja nicht mehr als Krankheit angesehen, und man wird nicht in die Psychiatrie
eingewiesen, fügte ich hinzu. Dann ging es in dem Verhör um erste sexuelle Kontakte, und ich fragte mich, was
die noch alles wissen wollen, um mich für schuldig zu erklären.
Man stellte mir weder eine Tasse Kaffee noch ein Glas Wasser hin, und ich hatte schon einen trockenen Mund. Sie wollten
genau wissen, wie meine Pubertät verlaufen sei. Ich erklärte, dass es ein unklares Gefühl in mir gewesen
sei, eine Erwartungshaltung, aber ich wusste nicht so genau worauf. Im Elternhaus hatte ich keine sexuelle Aufklärung
erhalten. Ich erinnere mich an eine Situation, als die Mädchen unserer Schulklasse in der Pause zu kichern anfingen,
weil sie, wie sich herausstellte, im Unterricht die Gliedspitze unseres Biologie-Lehrers gesehen hatten, der im Sommer
in kurzer Hose am Tisch vor ihnen saß.
"Was passierte noch?", fragte der dicke Polizist, und ich kramte in meinem Gedächtnis: In unserer Schulklasse musste
etwas passiert sein, denn die Lehrer trafen sich mit Eltern, und es klang so, als habe sich zwischen einigen Jungen und
Mädchen etwas ereignet, was geheim bleiben müsse, was nicht passieren dürfe in diesem jungen Alter. Es ging
dann um meine ersten Erfahrungen und sexuellen Kontakte. Ich erzählte von einer Klassenfahrt, denn ich musste antworten,
fragte mich aber längst, worauf die Polizisten hinaus wollen: Es war in einem Gebirgsort, fünf Jungen schliefen
in einem Zimmer. Eines Abends befahl ein Schüler, der schon sehr entwickelt war, man sah es am reichlichen Schamhaar,
alle sollten sich in eine Reihe stellen und das Glied reiben. Es machte noch keinen Spaß, und es lief auch kein
Tröpfchen aus.
"Wann war es denn soweit?", war die nächste Frage, und ich musste erraten, ob die jetzt die Tröpfchen meinten
oder den ersten Beischlaf. Ich klärte die Polizisten auf: Ich war etwa zwanzig Jahre alt und befand mich mit einer
Gruppe Jugendlicher auf der Straße. Ein Mädchen fragte mich, ob ich schon ein Mann sei, und ich antwortete
weder mit Ja noch mit Nein. Als die Eltern des Mädchens abwesend waren, passierte es. Wegen meiner Unerfahrenheit
färbte sich das Laken an einer Stelle rot, und das Mädchen schaffte es beiseite.
Das Verhör war mir sehr peinlich, warum wollten die Staatsdiener alles über mein Sexualleben erfahren, vielleicht
um sich an meinen Schilderungen aufzugeilen, Polizisten sind auch nicht immer Saubermänner. Für mich gab es kein
Entrinnen, die Scheinwerfer strahlten mich erbarmungslos an, und die Polizisten legten jetzt ihre Schlagstöcke, die
sie am Gürtel getragen hatten, auf den IKEA-Tisch. Sollte das eine Drohung sein? Ob ich sie auch zum Thema Sex
befragen könnte, konterte ich, aber das wiesen sie sofort zurück, sie seien es, die hier die Fragen stellen.
Im weiteren Verhör ging es um mein Verhältnis zu Frauen überhaupt. So hatte ich einmal, gab ich zu Protokoll,
das eigentümlicherweise gar nicht geführt wurde, mit zwei jungen Kolleginnen hinten im Auto gesessen, ich in der Mitte,
und beide ergriffen jeweils meine rechte und linke Hand. Sollte bedeuten, sie wollen mich. Ich entschied mich nicht für die
Dunkelhaarige, sondern für die Blonde mit der langen Nase. Ich erklärte im Verhör, dass ich kein Frauenheld
gewesen sei, eher schüchtern und verklemmt, und so in die erste Ehe geraten sei. Ich schlief mit einer Frau, ich nenne
sie L, die ich seit Jahren kannte. Ich fragte nicht, ob sie die Pille nehme, und schon war L schwanger. Die Moral der
Gesellschaft war damals noch eine andere, mit vielen Sex-Tabus, und ich heiratete L wegen des Kindes, es war keine große
Liebe, eher eine Pflichterfüllung. Meine Ehefrau hatte am erfüllten Sexualleben kein richtiges Interesse, sie war
beruflich sehr eingespannt, abends kaputt, und ich sah mich bald nach anderen Frauen um.
"Wie oft haben Sie die Frau betrogen?", wollte der dicke Polizist wissen. Ich konnte ihm keine genaue Zahl nennen, vielleicht
fünf oder acht. "Schildern Sie uns eine außereheliche Beziehung." Das sagte im Kreuzverhör nun wieder der andere,
also der dünne Polizist, besondere Merkmale fielen mir an den Herren nicht auf, eben nur ihre Statur. Ich erinnerte mich:
Meine Frau hatte sich im Laufe der Zeit damit abgefunden, dass ich abends oft wegblieb. Ich suchte Tanzlokale und Nachtbars auf.
Hier traf ich auf eine junge zierlich Frau mit einem bildhübschen Gesicht, ich nenne sie G, die mit ihrer Mutter gekommen war.
Die Tochter tanzte mit mir, und wir plauderten angenehm zu dritt und verabredeten uns. G wohnte mit ihrer Mutter zusammen, als ich
sie besuchte, brachte ich gegrillte Hähnchen mit, und wir ließen es uns schmecken.
G schien nicht zu arbeiten, hatte ein Wunschkind, das gerade im Kindergarten sei. Die Mutter klärte mich über die
Situation ihrer behüteten Tochter auf, sie habe in einem Märchenfilm mitgespielt, aber sie wolle als Mutter nicht,
dass das süße Mädchen in dieser Branche tätig ist, denn sie befürchtete, dass es in dem Milieu von
den Männern nur versaut wird. Die Mutter gab mir zu verstehen, dass das Töchterlein nichts Ordentliches anzuziehen
habe, und ich erfüllte ihr den Wunsch nach einigen Kleidungsstücken.
Es gab ein paar Mal Sex zwischen G und mir. Sie wunderte sich über meine Zurückhaltung oder Unerfahrenheit, im Bett
müsse es wild zugehen. Sie habe es auf dem Dachboden Ihres Mietshauses mit einem Mann im Korbstuhl getrieben, war auch
mit einem Araber zusammen, der zu oft wollte, ihr es aber zu viel war, weswegen er auf sich allein angewiesen blieb. Ein Leben
mit G schien mir wegen meiner Noch-Ehe und den Wohnverhältnissen von Tochter und Mutter zu kompliziert, aussichtslos,
und ich besuchte das Töchterlein nicht mehr. Einmal sah ich G noch in einer Nachtbar mit einem älteren Mann, mir
krampfte sich das Herz zusammen, dieses süße Luder verloren zu haben. Sie sagte noch zu mir: Besser wäre es,
ein gutes Buch zu lesen, statt hier herumzuhängen.
Ich fragte die beiden Polizisten, ob wir jetzt das Thema wechseln könnten, aber sie verneinten das, wir seien noch
längst nicht beim Kern der Sache angelangt. "Wie lange hielt Ihre Ehe, waren Sie noch einmal verheiratet?", verhörte
mich einer der Polizisten. Ich sagte die Wahrheit, ich sei zweimal verheiratet gewesen, jedes Mal sieben Jahre. Jetzt bin ich
Single. Ich konnte es mir schon denken, jetzt war die zweite Ehe dran. Ich erzählte es ihnen, und ich analysierte dabei
gleichzeitig, die Erinnerungen auffrischend, dass ich vielleicht zu leichtfertig war, nicht die richtige Wahl getroffen, um
nicht zu sagen "in die Scheiße gegriffen" hatte, mehr oder weniger die Frauen an meinem Schicksal schuld seien. Über
meinen Charakter wollte ich nicht weiter nachgrübeln, schon um mir kein zu negatives Zeugnis auszustellen. Ich führte
aus: Meine zweite Frau, ich nenne sie E, war von großer, schlanker Gestalt, fünfzehn Jahre jünger. Im Bekanntenkreis
hatte jemand frühzeitig festgestellt, es sei eine Hassliebe gewesen, und Hass kann tödlich sein, zumindest
Körper und Seele krank machen. Die zur Welt gekommene Tochter A konnte ein harmonisches Familienleben nur für
kurze Zeit, von der Geburt bis zur Phase des Laufenlernens, retten. Nach knapp sieben Jahren teilte mir E mit, dass sie
wegen fehlender gemeinsamer Interessen und der vielen Streitereien die Scheidung beantragen, ich ein Fach im Kühlschrank
erhalten und sich künftig jeder selber versorgen werde.
Ich hatte keine Einwände, weil ich die Sinnlosigkeit des freudlosen, sexarmen Ehelebens begriff. Ich blieb abends oft in
der Kneipe, zum Abendbrot und zum Bier, wusste nicht, wie ich mich meiner Tochter A gegenüber, inzwischen im Kindergarten-Alter,
verhalten sollte. Wenn ich sie nach der Scheidung besuchte, fragte sie jedes Mal: Was hast du mir denn mitgebracht? Nach
der Scheidung machte meine Ex-Frau unerwartet eine berufliche Karriere, sie habe sich von meiner Last befreit. Wieso falle
ich Frauen zur Last? Das war schon bei meiner ersten Frau so, die behauptete, dass ihr Leben ohne mich leichter geworden sei.
Was bilden sich Frauen eigentlich ein, welche Schlüsse ziehen sie! Was sind das für veraltete Ansichten! Jedenfalls
entdeckte ein Konzern die Durchsetzungsfähigkeit von E, meiner geschiedenen zweiten Frau, die plötzlich frei von
Depressionen war. Bin ich zu anstrengend für Frauen, gar ein Zyniker und Egoist? Ist es nicht etwa so, dass Männer
und Frauen vorn und hinten nicht zusammenpassen, wie es ein Komiker formuliert hat?
Eines Tages stand ein Möbelwagen vor der Tür, der die Wohnungseinrichtung von E nach Paris brachte. E sollte
zunächst die französische Sprache erlernen, bevor sie für einen Manager-Posten in Deutschland vorgesehen war.
Ich musste mich von meiner Tochter am Flughafen trennen, sie würde, inzwischen elf Jahre alt, ein Lyzeum in Paris besuchen.
Ich gab ihr ein Gedicht von mir mit ins Flugzeug.
"Haben Sie Kinder gern?", wurde ich gefragt, und ich durchschaute nicht die Hinterlist, die in dieser Frage mitschwang. Ich
bejahte das aus vollem Herzen, ich hätte A jede Woche einen Brief nach Paris geschickt, denn die Trennung war mir sehr
schwer gefallen, und ich war entzückt über die Antworten, die ich erhielt: "Salute, mein lieber Papi. Ich habe mich
schon gut eingelebt, nur die Sprache versteht man nicht. Das Essen schmeckt nicht so gut wie zu Hause, aber man kann es essen.
In der Schule gefällt es mir. Ich habe schon drei Freundinnen, Sabrina, Amelie und Meryl. Am Wochenende waren wir bei einer
netten Familie eingeladen. Der Sohn geht auch ins Lyzeum und kneift mich oft in den Po. Der Schulbus ist immer voll. Am Montag
hatte ich Kopfschmerzen. Mir war schlecht und schwindlig. Ich musste in der Schule brechen. Im Bus habe ich es, als ich noch
einmal brechen musste, gerade noch geschafft. Ich bin ausgestiegen und den weiten Weg nach Hause gelaufen. Papa, Berlin ist ein
Klecks gegen Paris. Du weißt nicht, dass sich unter den Hochhäusern die Welt abspielt! Café an Café, Restaurant an
Restaurant, massenhaft viele Läden. Eine Etage darunter Busse und Taxis. Darunter die Metro und weiter unten noch die
Parkhäuser."
Einmal bin ich nach Paris gefahren, um meine Tochter zu besuchen, was eine günstige Gelegenheit bot, etwas mit dem
Touristen-Blick von der Stadt zu erhaschen. A erwartete mich schon am Metro-Ausgang und hatte sich die Zeit mit Seilhopse
vertrieben. "Bleiben Sie beim Thema", wurde ich unterbrochen, "das Pariser Nachtleben ist Ihnen doch nicht entgangen, wie
haben Sie Frauenbekanntschaften gemacht?" Ich antwortete, dazu habe ich keine Gelegenheit gehabt und sie auch nicht gesucht,
schließlich war ich zu Besuch. Am Wochenende wollten Mutter und Tochter mir die Stadt zeigen, aber wir kamen nicht weit.
Plötzlich und unbegreiflich waren die Papiere meiner Ex-Frau gestohlen, als wir die automatische Fahrschein-Kontrolle in
der Metro passierten. Sie verdächtigte einen Fahrgast (warum machte sie das?) und rief die Polizei. Vor der Gendarmerie
durchsuchten die Polizei die Taschen des Mannes, der einen epileptischen Anfall bekam, aber die Ausweise hatte er nicht. So
lernte ich in kurzer Zeit die dunklen Seiten einer Weltstadt kennen.
Ich hatte gehofft, dass ich durch meine ausführliche Erzählung die beiden Männer nerve, aber die ließen
mich reden. Vielleicht wollten sie mich auf diese Weise erniedrigen. Mein Gott, hatten die eine Eselsgeduld, und mir wurde immer
trockener im Mund, Getränkeautomaten waren nicht zu sehen. Wahrscheinlich wollten die Polizisten sich zunächst ein Bild
von meinem Charakter verschaffen, um mich dann in die Falle zu locken, in die Sex-Falle. Ich nahm mir taktisch vor, durch
ausufernde Schilderungen meines bescheidenen Lebenswandels Langeweile zu erwecken, aber es gelang mir nicht. Dabei dauerte
das Verhör schon zwei Stunden. Ich bin Dozent an der Volkshochschule, und am liebsten hätte ich meinen Peinigern
die obszöne Redewendung, die ich von Russlanddeutschen gelernt hatte, zugerufen: Euch soll der Schwanz an der Ferse wachsen.
Ob ich wenigsten nach der zweiten Scheidung ein längeres Verhältnis mit einer Frau gehabt hätte - das war sicher
schon Frage zwölf. Nun ja, eigentlich schon, aber auch wieder nicht, versuchte ich zu erklären. In I fand ich eine
emotional geladene Frau, nicht sehr schlank, mit großen Brüsten, die sie gern zeigte. Sie hatte ihren Mann, eine
Zahnarzt, verlassen, weil er sie betrog, sie fühlte sich unendlich gekränkt und sagte mir, dass die Liebe zu diesem
Mann sofort erloschen war. Wir verbrachten gemeinsame Wochenenden auf ihrer nicht sehr exklusiven Datsche. Ich vergrub die
Fäkalien, die sich in einem Eimer befanden, in der Erde, und I tat so, als schäme sie sich. Einmal lagen wir den
ganzen Tag nebeneinander, einfach so, und die Frau bot mir nichts zu essen an, wahrscheinlich aß sie sehr wenig. Unser
Sex war normal, eines Abends versagte ich, die Strapazen der Arbeit, und sie meinte nach sehr kurzen Stößen
verwundert: Das war alles? Ich kam darauf zu sprechen, dass wir beide einmal in einem Kaufhaus waren, im knappen Kleid von
I sah man ihre prallen Brüste, und eine Verkäuferin hatte darauf gestarrt, das ist gewiss eine Lesbe, meinte I.
Jedenfalls war mir die Szene unangenehm. Ich fand I zu anstrengend, auch noch fünf Jahre älter als ich, das
gefällt mir schon gar nicht, da bin ich schon sauer, und ich beendete die Beziehung.
Ich kam dann auf einen Bekannten zu sprechen, der Alkoholiker war. Er wohnte in einem Haus, das er mit eigener Kraft erbaut
hatte. Nach vielen Jahre der Ehe war seine Frau plötzlich verschwunden, hinterließ nur einen Zettel, dass sie
nicht mehr wiederkommen werde, die Gründe möchte sie nicht nennen, um ihren Mann nicht zu verletzen. Er möge
ihr nicht böse sein, sie werde die Jahre im Grünen mit ihm nicht so schnell vergessen. Als ich den Bekannten
einmal besuchte, sah ich die Unordnung in seinem Haus, die leeren Schnapsflaschen. Er lallte mir zu: Frauen sind Bestien,
sie haben uns Männer nicht verdient.
Da sich die beiden Vertreter des öffentlichen Dienstes anscheinend für das Verhältnis Mann - Frau interessierten,
legte ich noch eine Schippe drauf und erzählte weitere Episoden. Irgendwie fühlte ich mich bei dem Verhör in
die Enge getrieben, andererseits wollte ich die Angelegenheit herunterspielen, es sei letztlich nur ein Gespräch "unter
Männern". Dann wiederum hatte ich Angst, die würden mich an einen Lügendetektor anschließen, der aber
weit und breit nicht zu sehen war. Ich erzählte von einem früheren Arbeitskollegen, ich nenne ihn H, der
weit über sechzig ist. Er gibt oft Annoncen auf, ich weiß nicht genau, wie er sich selbst beschreibt oder
welche Vorstellungen er von einer Frauenbekanntschaft hat. Jedenfalls meinte er, aus den Antwortbriefen sofort die
Spreu vom Weizen trennen zu können. Leider hielten die Beziehungen nicht lange, was wohl an seiner Starrköpfigkeit
lag. Die Damen störten sich an der strengen Abendeinteilung, von zwanzig Uhr an klassische Musik, ab zweiundzwanzig Uhr
leichtere Kost. H war zu bedauern, denn er verlor seine jüngere Frau an einen anderen Mann, er hatte sie allerdings mit
einer übereilten Heirat etwas unter Druck gesetzt. H schlug ihr vor, Mitglied eines Chores zu werden, weil es ihrem
Hobby-Wunsch entsprach. Bei einem Gastspiel lernte seine Frau einen Belgier kennen und zog mit in dessen Heimatland, ohne
ein Wort seiner Sprache zu verstehen.
Ich hatte das Gefühl, in die Offensive gehen zu müssen, den Spieß umzudrehen, mich in diesem Verhör
selbst zum Chefankläger aufzuschwingen, gegen die Polizei und die Frauen. In dieser Rolle wollte ich Klarheit in die
Verhandlungsführung bringen und die Verhörmethoden, auch ohne meinen Rechtsanwalt, anprangern. Die Polizisten
waren es doch, die mich schon um fünf Uhr morgens aus dem Bett geholt hatten, die Frauen waren es doch, die sich von
mir scheiden ließen. Ich fragte den Dicken und den Dünnen, ob sie sich in die Lage des Alkoholikers und des
Rentners versetzen können, in diese grausamen Schicksalsschläge, an denen zwei Frauen schuldig sind. Ich war
plötzlich wie im Rauschzustand. Ich verzichtete auf die Reaktion der Angeklagten, die sie in meiner Phantasie jetzt
waren und die ich wenigstens in Gestalt der beiden Polizisten vor mir sitzen sah.
Fast triumphierend setzte ich meine Anklage mit forscher Stimme fort: Ich hatte mal ein Verhältnis mit einer schönen
Frau, groß und stolz, ich nenne sie M. Irgendwie blieb sie auf Distanz, litt an Schlafstörungen und wusste wohl
selber nicht, was sie eigentlich wollte. Sex auch nicht so richtig, sie fühlte sich danach benutzt. Wenn jetzt Frühling
wäre, könnte man vielleicht zusammenfinden, meinte sie, aber es war gerade erst Winter geworden. Wir führten
lange Telefongespräche, und einmal gestand sie mir, dabei hätte es bei ihr geklappt, was ich mir darunter immer auch
vorstellen sollte. Als ich sie einmal besuchte, sagte sie, wir sollten das Verhältnis beenden. Ich blieb noch fünf
Minuten sitzen und verließ schweigend die Wohnung. So habe ich es stets gehalten, wenn die Damen nicht wollen, dann
wollen die Damen eben nicht. Dann ziehe ich als Erster den Schlussstrich, ich lasse mich als gut aussehender Mann doch nicht
vergackeiern.
Leider hinterließen meine beweiskräftigen Beispiele über den Zustand von Beziehungen und die hohe
Verantwortung des angeblich feinfühligen weiblichen Geschlechts keinerlei Regungen bei den Seelen-Schnüfflern,
die mir eher seelenlos vorkamen. Als wäre mein Plädoyer zusammengebrochen. Ich staunte, wie sie mich abblitzen
ließen. Jetzt wollten sie tatsächlich wissen, ob ich ins Bordell gehe. Ich konnte eine knappe Antwort geben,
denn ich ekele mich vor Frauen, die schon mit hundert oder noch mehr Männern geschlafen haben. Wie es denn mit
Telefonsex sei, und ich antwortete, das sei mir zu teuer. Schon waren wir bei den Pornofilmen angelangt, ja, ich hätte
welche geguckt, angemacht habe mich das selten, man sammelt eher optische Eindrücke, man muss doch nicht alle
Sexualpraktiken, zum Beispiel Sadomaso, beherrschen. Dann wollten die Gralshüter der Moral wissen, welche Sex-Phantasien
ich hätte, und ich verweigerte die Antwort, ich hätte jetzt die Schnauze voll, das Verhör dauere schon
fünf Stunden, und ich hätte Durst und Hunger.
Inzwischen waren wir an einem toten Punkt angelangt, und die Männer, die mich verhaften durften (wer hatte
ihnen überhaupt den Auftrag erteilt?) schienen mir auch etwas müde. Aber sie waren immer noch nicht am Ende.
Sie nickten sich gegenseitig zu und sprachen plötzlich lippensynchron: "Haben Sie in Ihrem Leben Kinder sexuell
missbraucht, wann und wo?" Ich zuckte zusammen und war wieder hellwach. Dahin läuft also der Hase. Schlagartig wurde
mir klar, warum die mich aufs Polizeirevier geschleppt hatten. Ich haute mit der Faust auf den IKEA-Tisch und schrie:
"Nein, nein, nein". Dabei kullerten die zwei Schlagstöcke langsam von der Tischplatte. Die beiden Polizisten mit
dem unterschiedlichen Körperumfang standen jetzt auf und jeder sagte einen kurzen Satz: "Das Verhör ist
beendet" und "Sie können nach Hause gehen." Ich fühlte mich erleichtert, es hätte nur noch die Frage
gefehlt, welches Sex-Spielzeug ich benutze oder ob ich mit Männern schlafe.
Ich grübelte, ob das Verhör den Normen der zivilisierten und christlichen europäischen Gesellschaft,
in der die Menschenwürde geachtet wird, entsprach.
***
Offenbar war ich noch einmal eingeschlafen, ich wachte auf und versuchte zu begreifen, wo ich die ganze Zeit gewesen bin.
Mir schoss der Gedanke durch den Kopf, dass ich etwas Wirres geträumt haben musste, etwas mit Frauengeschichten.
Ich wollte mir nicht eingestehen, dass mein Single-Dasein unbefriedigend ist und hatte sofort schlechte Laune.
Ich stand auf, ging ins Bad und murmelte die Wortkonstruktion vor mich hin: "Scheiß Weiber."
ENDE
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